Heute ist ein Flugblatt ins Haus geflattert. Mit dem (etwas fragwürdigen) Slogan “Gratis aber nicht umsonst” wird darauf die interessensorientierte Mittelschule ab 2010/2011 in unserer Gemeinde beworben. Interessensorientiert. Hört sich gut an, denke ich. Da fällt mir plötzlich ein, was mir unlängst eine der Lehrerinnen aus meiner (mit diesem Beruf reich gesegneten) Verwandtschaft an den Kopf geworfen hat: „Du hast ja keine Ahnung, wie es in der Schule zugeht!” In einer Diskussion um Interessen- und Begabungsförderung in der Schule hatte ich mich nämlich zu einem leidenschaftlichen Plädoyer gegen das Sitzenbleiben hinreißen lassen… Und bevor sich hier bald alles nur mehr um Ferien und Urlaub dreht, möchte ich noch ein paar persönliche Gedanken zur Schule anmerken.
Die aktuelle öffentliche Auseinandersetzung rund um Gesamtschule, Ganztagsschule, neue Mittelschule und wie sie alle heißen, gefällt mir. Weil sie das Thema Schule wieder öffentlich diskutiert und es zu dem macht, was es ist: Etwas, das uns alle angeht. Jeder von uns verbringt zumindest neun Jahre in dieser Institution. Ich selbst genoss sie zwölf lange Jahre. Aber dass Lernen auch Spaß machen kann, habe ich erst an der Uni entdeckt.

Foto: Dieter Schütz/pixelio.de
Schule - der “Ernst des Lebens”?
In der Schulzeit war ich hauptsächlich damit beschäftigt, - mithilfe der dankenswerten gratis Nachhilfe eben dieser meiner Lehrer-Verwandten - in jenen Fächern über die Runden zu kommen, die mir überhaupt nicht lagen, allen voran Mathematik. Nicht zuletzt meine Mathe-Phobie ließ mich schließlich auch die Flucht nach vorn antreten und mich für den - damals so genannten - neusprachlichen Zweig am Gymnasium entscheiden. Trotzdem hieß es weiterhin 4 x Mathe pro Woche und demzufolge: Nur ein Mathe-freier Tag war ein guter Tag.
Motivieren statt bestrafen
„Da werden sie dir die Wadln schon viere richtn!” Dieser maßlos antiquierte, aber dennoch oft wiederholte Satz meines Vaters stand, wie in Stein gemeißelt, noch vor meinem allerersten Schultag. Heute träume ich von einer Schule, die Interessen und Begabungen fördert. Die anlagebedingte Minder-Begabung anstatt mit schlechten Noten oder gar Sitzenbleiben permanent zu bedrohen, wirkliche Förderung anbietet. Die nicht zum Versager abstempelt, sondern laut ruft:”Hier ist einer, der kann besonders gut die verschiedenen Grün- und Grau-Nuancen eines Birkenblattes aquarellieren!” Sollen wir alle an der Wirtschaftsuni inskribieren, um mit 40 auf den Selbsterfahrungstrip zu kommen? Produziert das nicht noch mehr von diesen ach so trendigen, aber für den Arbeitsmarkt eher fragwürdigen neuen Berufen wie Lebenscoach oder Hunde-Akkupunkt-Masseur?
In meiner beruflichen Laufbahn habe ich noch nie aufgrund von (guten) Noten einen Job bekommen oder nicht bekommen. Als Unternehmerin würde ich nicht auf die Idee kommen, mir von einem Bewerber Schulzeugnisse vorlegen zu lassen. Klar, auch in der paradiesischen Zeit als Studentin musste ich mich mit Nebenjobs über Wasser halten und ganz ohne Rechnen ging es da auch nicht. Auf die hohe Kunst der Wahrscheinlichkeitsrechnung (das Wort löst auch nach 20 Jahren noch Schaudern in mir aus) kann man beim Eis verkaufen oder Bücher auspreisen aber ganz gut verzichten.
Ich höre schon, was jetzt kommt: Dafür fehlt die Zeit. Der Stoff muss durch. Die Kinder brauchen den Druck. Aber kann ein Schulsystem, das für alle Beteiligten auf Druck aufgebaut ist, richtig und gut sein? Hat mein Kind ohne bezahlte Nachhilfe überhaupt noch eine Chance, dem Unterricht zu folgen? Sind Lehrer heute wirklich so überlastet, dass sie Schulhefte in den Urlaub mitschleppen müssen, um sie stoßweise am Hotelpool in Lignano zu korrigieren? Und was ist mit Pionierländern wie Finnland - belächelns- oder beneidenswert?
Das Leben, denke ich, verlangt uns allen, auch ohne Schule, genug Prüfungen ab. Lasst uns doch ein System finden, das unsere Kleinen wirklich auf das Leben nach der Schule vorbereitet. In dem soziale Fähigkeiten eine wichtige Rolle spielen. In dem sich jede(r) traut, zu den eigenen Anlagen zu stehen und diese auch zu verwirklichen, ohne Angst vor Konsequenzen und Versagen. In dem unsere Kinder sich zu selbstbewussten, aktiven und kreativen Individuen entwickeln können. Gewiss, einfach ist es nicht. Aber zumindest wäre die Schulzeit dann gratis, aber nicht umsonst.