Wenn ein Kurzurlaub zum Albtraum wird…

geschrieben von: doalittle - am 2. Juni 2009
doalittle
Koffer packen, Wäsche waschen, Liste checken - ach ja, da fehlt noch die Packung Übernachtungswindeln für Notfälle - soll ja passieren, dass nach einem Ortswechsel auch bei älteren Kleinkindern nochmal etwas daneben geht. Reisepässe, ja - ist noch gültig - sind auch alle Kinder eingetragen? Gott sei Dank paßt das. Sind die Termine auch alle bestätigt und die Hotelreservierung o.k. …
Eine einwöchige Dienstreise mit 4 Kleinkindern kann auch wenn die Oma mitkommt ganz schön umfangreich sein. So ging es mir bei der Planung der Karwoche. Zuerst dachte ich, das wird schon gehen und hatte viel Freude an der Vorbereitung. Schließlich soll Kroatien zu Ostern wunderbar sein. Am Palmsonntag sind wir recht flott unterwegs gewesen. Es war kaum Straßenverkehr und die Kinder waren auf der Fahrt auch sehr angenehm. Unser Kleinster hat während der Reise keinen Mucks von sich gegeben, aber da ahnte ich noch nicht warum und dachte nur, was für ein Glück.
Gegen 5 Uhr nachmittags haben wir im Hotel eingecheckt und der Urli einen Besuch abgestattet. Alle waren überglücklich, da ich mich die letzten 2 Jahre nicht auf eine solch lange Reise gewagt habe. Nun sind wir angekommen und waren voller Vorfreue über eine Woche Aufenthalt im wunderschönen warmen frühlingshaften Kroatien.
Aber die Freue währte nicht lange, unser Kleinster wollte wieder nach Hause. Da merkte ich erst, dass er die vorangegangenen Minuten nur mehr auf der Schoss seiner größeren Schwester saß und etwas glasige Augen hatte. Ich ließ bereits in Gedanken die Koffer scannen, ob ich auch die Reiseapotheke für den Fall eingepackt habe. Schnell machten wir uns auf den Weg zurück ins Hotelzimmer und schleppte meinen bereits schweren vierjährigen Huckepack. Auf dem Weg begleiteten wir eine Palmprozession und im nachhinein rieselt es mir etwas kalt den Rücken runter.
Eine Stunde später hatte er bereits 40,5 Fieber - ich traute meinen Augen nicht - so hohes Fieber hatte noch keines meiner Kinder, v.a. nicht in so kurzer Zeit. Die 3 größeren Geschwister, 6,8 und 12 Jahre, waren Gott sein Dank so selbstständig, dass sie sich alleine duschten und umzogen. Meinem armen fiebernden Franz gab ich ein fiebersenkendes Mittel, dass ein wenig wirkte und ihm so zum Schlafen verholfen hat. Die Nacht konnte ich kaum ein Auge zumachen, obwohl ich von der Fahrt etwas müde war. Und um 4 Uhr früh bekam er leider wieder 40 Fieber - Essigpatschen und fiebersenkendes Mittel wirkten nun überhaupt nicht mehr und als er auch noch über Brustschmerzen klagte, war mein ersten Gedanke - nein, eine Lungenentzündung. Sofort bat ich die Rezeption um einen Krankenwagen mit Notarzt.
Dieser war nach 20 min in unserem Zimmer und bestätigte meinen Verdacht. Zu unserem Glück brachte er uns nicht in die Kinderklinik nebenan, sondern auf eine Spezialabteilung der Uni-Klinik. Dort ist er noch in den frühen Morgenstunden schnell untersucht worden, Blutabnahme, Röntgen und stationäre Aufnahme waren um 8 Uhr früh erledigt und er bekam auch schon Sauerstoff. In diesem Moment habe ich erfahren, dass er sehr schwer erkrankt ist, aber noch verstand ich nicht alles 100% ig. Mit einer Mischung aus Englisch und Kroatisch verständigten wir uns. Mein Adrenalinspiegel muß sehr hoch gewesen sein, denn ich war voller Aufmerksamkeit dabei und verspürte weder Hunger noch Müdigkeit. Um 9 Uhr war er bewußtlos und in diesem Moment habe ich wieder zu beten angefangen. Man fühlt sich so hilflos und machtlos - dem Lauf der Dinge und der Natur ausgeliefert - es ist furchtbar. Ich saß neben dem Kleinen und streichelte seinen Kopf. Er hat sich gewünscht, dass ich ihm die Geschichte von “Bärli Hupf” erzähle. Währenddessen hat er das Bewußtsein verloren. Ich habe die Geschichte weitererzählt bis mir meine Stimme versagt hat und ich ihm nur mehr die Hand halten konnte. Dann kam die Ärztin mit der Diagnose, dass er eine septische Lungenentzündung hat - was ich zu dem Zeitpunkt noch nicht verstanden habe. Viele Dinge sind dann noch passiert, aber Gott sein Dank bin ich an einen “alten Hasen” von einer Ärztin geraten, sehr liebevoll und sehr bemüht mich am Laufenden zu halten. Am Nachmittag hatten wir einen genauen Befund und das richtige Antiobiothika gefunden und am Abend erhielt ich die Information, dass er auf die Therapie gut anspricht und sich die Blutwerte verbessern. Er kam wieder zu Bewußtsein!
10 Tage - also ganz Ostern haben wir in Kroatien im Spital verbracht - es durften in dieser Zeit keine Besucher zu uns - die Geschister haben ihm vom Balkon aus zugewunken. In jedem Falle wird man sehr genügsam und bewundert die Pracht des Frühlings und erfreut sich über jedes Zeichen der Genesungsfortschritte.
In diesen Tagen habe ich die Freundlichkeit und Liebe aller Menschen sehr geschätzt - email, Telefonate und kurze Visiten haben mir zwischendurch Kraft gespendet.
Schließlich waren neben der Betreuung des Kleinen ein paar Dinge zu organisieren - Stornierung aller vereinbarten geschäftlichen Termine, das Auschecken der Kinder aus dem Hotel - sie übersiedelten zur Urli, Kontaktaufnahme mit der Botschaft, da die Geschwister einen Notpaß für die Rückreise benötigten (sie sind in meinem Pass eingetragen) - Kontaktaufnahme mit dem ÖAMTC (Gott sei Dank habe ich einen Schutzbrief).
Nach der 10-tägigen Theraphie konnten wir mit Hilfe des ÖAMTC wieder nach Österreich überstellt werden. Die Geschwister sind mit der Oma noch vor dem Osterwochenende zurückgefahren und wir sind nach Ostern nach Hause gekommen. Nachdem wir mit unserem Kinderarzt einen sehr intensiven Kontakt gepflegt haben und uns das Krankenhaus in Österreich nach der Überstellung nicht mehr stationär aufnehmen mußte, war ich froh mit allen Kindern wieder gut zu Hause zu sein. Ich war schon so gut wie am Ende meiner Kräfte. Glücklicherweise waren die Kinder fähig alleine den Schulweg zu bestreiten, so konnte ich mich gleich den diversen organisatorischen Dingen widmen.
Schließlich mußte ich erfahren, dass mein Pflegeurlaub bereits bei Ausbruch der Krankheit aufgebraucht war und ich wieder dringend ins Büro gehen mußte.
Nach ein paar hilfreichen Telefonaten bin ich schließlich beim KiB gelandet und war begeistert von der unbürokratischen Hilfestellung. Am nächsten Tag war bereits ein freundliches Mädchen bei uns und Franzi hat sie glücklicherweise vom ersten Moment ins Herz geschlossen. Sie hat ganz sicher eine wesentliche Rolle dabei gespielt, dass er trotz einiger Rückfälle nun wieder gesund ist. Lange hat es gedauert, aber nun kann ich sagen wir haben diesen Abschnitt und diese Erfahrungen gut gemeistert und Franzi ist wieder gesund.

6 Kommentare zu „Wenn ein Kurzurlaub zum Albtraum wird…“

  1. verenanneli sagt:

    bist du gescheit, das klingt nach einer odysee! ich frag mich in solchen fällen, was leute machen, die keine fremdsprache beherrschen… zum glück ist alles am ende gut ausgegangen!

    • doalittle sagt:

      Bis zu diesem Zeitpunkt dachte ich nicht an derartige Ereignisse, aber ja zum Glück ist alles gut ausgegangen.
      Und offensichtlich sollte man wirklich die Sprache des Ziellandes beherrschen. Wenn dies nicht der Fall ist bleibt einem sowieso nur mehr der Weg zur Botschaft und viele gute Freunde. Ich bin froh, dass wir schon seit längerem einen Schutzbrief beim ÖAMTC haben.

  2. sabina sagt:

    Diese Geschichte hat mich sehr berührt. Ich freue mich, dass der Kleine wieder gesund ist und wünsche ihm und seiner ganzen Familie Gesundheit, Freude und viel Energie!

    • doalittle sagt:

      Danke Sabina! Es hat mir sehr gut getan diese Geschichte zu erzählen und ich bewundere alle Eltern, die derartige und manchmal auch schlimmere Erlebnisse meistern. In unserem Fall ist alles gut ausgegangen und ich wünsche allen, v.a. den Alleinstehenden viel Kraft, helfende Hände und gute Zuhörer. Es bedarf manchmal einer ungehören Überwindung andere um Hilfe zu bitten. Dies lohnt sich aber und wird auch fast immer gewährt.

  3. Wichtelmama sagt:

    Wahnsinn! Gottseidank, ist alles wieder O.K.!!

    Ja, ich finde den Pflegeurlaub toll - aber ich finde es nicht fair, daß eine Mutter mit 4 Kindern nicht mehr Pflegeurlaubstage in Anspruch nehmen kann wie eine Mutter mit nur einem Kind.

    • doalittle sagt:

      Du hast vollkommen Recht. Auf der anderen Seite haben dann Mütter mit vielen Kindern kaum eine Chance auf einen Arbeitsplatz, da ja der Arbeitgeber fürchten muß, dass die Zeiten ausgenutzt werden. Und ich hatte Gott sei Dank eine so faire Arbeitgeberin, dass ich bei Ihr Sonderurlaub bekommen habe. Sie weiß meine Loyalität noch zu schätzen und sie weiß, dass sie von mir einfach immer jegliche Unterstützung haben kann, da ich mich riesig über die Chance freue, die sie mir gegeben hat.

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