Manchmal überkommt mich das dringende Bedürfnis, meine beiden Kids mit Kunst- und Kulturgenuss zu überschütten. Wenn mich dann gleichzeitig die Reiselust packt, kann es passieren, dass ich recht spontan mit meinem Nachwuchs ein Wochenende außer Haus verbringe, das ich dann gelegentlich unter ein spezielles Motto stelle. So geschehen letzten Sonn- und Montag. Unser Thema: Haydn2009.
1809 - also vor genau 200 Jahren - ist Joseph Haydn, seines Zeichens langjähriger Kapellmeister und Komponist im Dienste der Esterházy-Fürsten, verstorben. Und dieses Gedenkjahr wird im Burgenland und Umgebung ausgiebig zelebriert, um den großen Musiker kräftig hochleben zu lassen. Grund genug, um mal zu schauen, wie man Kindern das Haydn-Jahr 2009 schmackhaft machen will…
8 Schritte nach rechts, dasselbe in die Gegenrichtung, in die Mitte zusammen und wieder zurück … Astrid (7 Jahre) und Gregor (5 Jahre) sitzen auf der Auto-Rückbank und lassen vergnügt ihre Kuscheltiere händchenhaltend - in diesem Fall einen Teddy und einen Pinguin, also Tatze auf Flosse - zu einem typischen Volkslied aus der Zeit Haydns mittänzeln. Das Lied samt Tanz-Anleitung entstammt der CD „Paukenschlag und Kaiserlied / Joseph Haydn für Kinder” von Marko Simsa, mit der wir uns frohgemut auf unseren bevorstehenden Haydn-Trip einstimmen.
Die Fahrt geht zunächst zur Burg Forchtenstein. Dort startete vergangenes Wochenende mit „Forchtenstein Fantastisch” das alljährliche Burgspektakel, das sich der guten, alten Ritterzeit verschrieben hat. Ritterzeit - Haydn? Da klaffen doch einige Jahrhunderte dazwischen! Richtig. Der Großteil des umfangreichen Forchtenstein-Programms steht eindeutig unter dem Zeichen des Mittelalters: Rund 150 Mitarbeiter betreuen die zahlreichen Mitmach- und Kreativ-Stationen wie Bogen-Schießen, Töpferei, Schreibwerkstatt, Sonnenuhr-Basteln, Backstube, Turm-Dosenwerfen, Husarenritt, Kinderschminken, Gratis-Kostümverleih für Jung und Alt uvm. Bei den einzelnen Stationen kann man Stempel sammeln, um sich später - wie auch mein Sohn - von König Forfel höchstpersönlich zum Ritter schlagen zu lassen. Meine Tochter begeistert sich da schon eher für die Zaubershow mit Merlix oder die Geschichtenstunde mit Gruselhexe Griselda. Eine der Hauptattraktionen von Forchtenstein Fantastisch ist zweifellos die Burg selbst - großartig erhalten samt begehbarem Burggraben, Brücken, Rampen, Gewölben, Innenhöfe usw. - ein wirklich stimmiges und sehr empfehlenswertes Ritter-Spektakel, alles in allem sehr mittelalterlich!
… wenn da nicht das in Kooperation mit „Haydn2009″ entstandene Musical „Ritter Roland rastet aus” wäre, das dem Burgfestival seinen gut versteckten Haydn-Touch verleiht.
Der Titel wurde wohl gewählt, damit es sich schön ins mittelalterliche Rahmenprogramm fügt, doch er führt in die Irre, denn im Musical wird aus Ritter Roland plötzlich König Roland und keine Spur mehr vom rauen Mittelalter. Vielmehr geht es im Stück, das zunächst im Jahre 1954 spielt und uns bald darauf in das sonderbare Paralleluniversum „Orlandos Heim” entführt, um die Macht der Bücher und die Kunst, seine eigene Geschichte zu leben. Ein wichtiger Handlungsstrang des Musicals dreht sich um den Totenkopf Joseph Haydns, der sich nichts sehnlicher wünscht, als mit dem Rest seines Skeletts wieder vereint zu sein. Allerdings müssten Kinder schon über ein fundiertes Haydn-Hintergrundwissen verfügen, wenn sie das genau so wie gedacht wahrnehmen sollen. Die mitreißenden Lieder und Choreografien, vorgetragen von SängerInnen mit tollen, kräftigen Stimmen, und vor allem die witzig-skurilen Charaktere und Dialoge machen die für Kinder vielleicht ein wenig schwierig durchschaubare Story mehr als wett und die dazugehörige CD läuft seitdem bei uns auf Powerplay.
Am folgenden Tag steht mit Eisenstadt das „Haydn-Mekka” schlechthin auf dem Programm. Der geplante Spaziergang vom Esterházyplatz hinauf zur Bergkirche, wo ich mit den Kids das Haydn-Mausoleum besuchen wollte, fällt leider einem Regenguss zum Opfer. Also nutzen wir die wetterbedingte Pause zu einer kleinen Bastelstunde in einem Café: Im Zuge der Vorbereitungen zu unserer Kurzreise habe ich im Internet eine interessante Website eines Eisenstädter Gymnasiums entdeckt (http://www.q4you.at), das im Haydn-Jahr allerhand kreatives Unterrichtsmaterial zusammengestellt hat. Neben verschiedenen Haydn-Quiz- und Rätselrallye-Unterlagen, PC-Memory-Spielen und süßen, selbst illustrierten Bildergeschichten mit netten Haydn-Anekdoten usw. war u.a. eine komplette Bastelanleitung für eine Haydn-Perücke aus Papier mit Löckchen und Zopf zum Downloaden bereit gestellt. Die haben wir dann - unter den neugierigen Blicken manch anderer Kaffeehausbesucher - ausgeschnitten, zusammengeklebt und gleich anprobiert.
Schließlich wird es Zeit, uns zum Haydn-Haus zu begeben, wo wir für die Kinderführung „Haydns Hausgeschichten” angemeldet sind. Hier geleitet uns Petra, die sich vor unseren Augen outfitmäßig in Joseph Haydn verwandelt, durch das einstige Wohnhaus des Komponisten und erzählt uns von einem verheerenden Brand in Eisenstadt, Mozarts Verhältnis zu seinem „Papa Haydn” und Haydns Ehefrau, die leider gar kein Verständnis für seine Musik aufbringen konnte und ihre Pasteten gerne in seine frisch geschriebenen Notenblätter einwickelte - was ihrer Ehe nicht allzu gut tat. Außerdem wird im Zuge der Führung ein Mädchen mittels Puder und Rouge zur adeligen Dame geschminkt - ganz dem Zeitgeist des 18. Jahrhunderts entsprechend. Den Abschluss der Kinderführung bildet der Besuch im Dachboden-Atelier, wo die Kids noch ein hübsches Abbild des Haydn-Hauses basteln und ein altes Chembalo zum Herumklimpern einlädt.
Jetzt aber nichts wie hinein, ins absolute Zentrum der Haydn-Verehrung, ins Schloss Esterházy, Wirkstätte Haydns über vier Jahrzehnte hinweg. Hier gibt es zwar - unter der Schirmherrschaft der Fledermaus Fritz Fürstlich - auch spezielle Kinder-Themenführungen, allerdings nur an bestimmten Wochentagen.
Also entschließen wir uns, die beiden Ausstellungen „Haydn explosiv” und „Phänomen Haydn - prachtliebend” auf ihre Kinderfreundlichkeit hin zu vergleichen:
Die Idee von „Haydn explosiv” ist es, Haydn und seine Zeit als Gesamtkunstwerk zu präsentieren, in das sich auch Werke zeitgenössischer Künstler fügen. So mutiert die Sala Terrena, das ehemalige Weinlager des Schlosses, zu einer poppig bunten und interaktiven Multimedia-Landschaft. Die effektvollen Bild- und Sound-Installationen ziehen die Kids in ihren Bann und mehrere Monitore in Kinderaugenhöhe erweisen sich als äußerst lehrreich und unterhaltsam zugleich - wurden hier doch entzückende blau-livrierte „Ester-Hasis” zum Leben erweckt, die ihre Rolle als Kunstvermittler ausgezeichnet erfüllen! Verschiedene Aktionsprogramme für Schul- bzw. Kindergarten-Gruppen vervollständigen das kindertaugliche Angebot rund um „Haydn explosiv”.
Wesentlich nüchterner und weniger experimentell ist man an die Gestaltung der Ausstellung „Phänomen Haydn - prachtliebend” herangegangen, die ebenfalls im Schloss Esterházy untergebracht ist. Hier werden sowohl Einblicke und Hintergründe in die Arbeitsweise Haydns gewährt, als auch die höfische Prachtentfaltung unter den Esterházy-Fürsten behandelt. Zweifellos ist bei der durchaus attraktiven Gestaltung der Ausstellungsräume an die Zielgruppe der Erwachsenen gedacht worden, kindgerechte Einrichtungen fehlen gänzlich. Allerdings können sich meine Kinder für den Gratis-Audio-Guide begeistern und suchen in den Räumen fleißig nach den entsprechenden Tonband-Nummern. Nur sind dann die meisten Texte wiederum so langatmig, dass wir die Ausstellung relativ rasch abhandeln. Nur im letzten Ausstellungsraum entdecken wir ein Objekt, das unsere Aufmerksamkeit länger auf sich ziehen kann: ein Abguss des Haydn-Schädels. Und hier erfahren wir schließlich auch die genaue Kriminal-Geschichte rund um den verschwundenen Totenkopf und dessen Zusammenführung mit dem restlichen Skelett im Jahre 1954, das auch im Forchtenstein-Musical thematisiert wurde.
Der Rundgang schließt mit dem Besuch des prächtigen Haydn-Saales ab, der meinen Sprösslingen dann doch noch ein wohlwollendes Raunen entlocken kann. Schließlich kann man hier seiner Fantasie freien Lauf lassen und sich mittenrein in ein höfisches Fürstenfest träumen…
